Sonntag, 4. Juli 2010

Der Richter und der Pharisäer

Die schönsten Prozesse sind doch die, in denen es nicht um den schnöden Mammon geht. Prozesse, in denen es um die wahren Werte geht! Prozesse, in denen es um Gerechtigkeit geht. Gerechtigkeit - was macht es da, dass der Streitwert nur 3,50 EUR beträgt.

Ein Mann wollte seine holde Gattin ausführen. Sie suchten sich ein nettes Lokal. 


Auf dem Tisch stand eine Werbung, die "Pharisäer nach Orginalrezept" anpries. "Pharisäer"? Kennen Sie nicht? Es handelt sich dabei um  ein Getränk aus Kaffee, Sahne und Rum, welches seinen Ursprung auf der Insel Nordstrand haben soll. Der Mann wollte sich nicht lumpen lassen und bestellte für sich und seine Begleiterin diese Köstlichkeit. Doch welches Entsetzen, welche Enttäuschung nach dem ersten zaghaften Schluck: "Das ist doch niemals ein Pharisäer nach Orginalrezept", bemängelte er, "da gehört deutlich mehr Rum rein". "Nichts da," entgegnete der Wirt. "Da sind 2 cl Rum drin und das reicht!." Zeter und Mordio! So eine Blamage vor der Begleiterin, der Gast doch mal einen echten Pharisäer präsentieren wollte. Nein, die 3,50 EUR zahle er nicht! Und so traf man sich vor dem Amtsgericht Flensburg wieder. Die Chance für den Richter: "Das Gericht hat im Wege der Geschmacksprobe festgestellt, dass der ‚Pharisäer’ mit einem Rumzusatz von zwei Zentilitern fade und ausdruckslos schmeckt. Der Rum ist kaum auszumachen; es handelt sich um ein Kaffeegetränk mit geringem alkoholischem Beigeschmack, keinesfalls aber um ein köstliches, hochprozentig alkoholhaltiges Getränk." Das Originalrezept gehe aber jedenfalls "von einem Getränk aus, das ‚hochprozentig alkoholhaltig’ ist und deswegen deutlich den Rumzusatz schmecken lässt. Denn das Getränk soll aufgrund des ‚herzhaften’ und ‚ordentlichen Schusses Rum’ als ‚köstliches Getränk Leib und Seele wärmen’. Das ist bei einem Rumzusatz von zwei Zentilitern nicht der Fall." Für dieses "erheblich fehlerhafte" Getränk müsse der Beklagte daher auch nicht bezahlen.

Urteil des AG Flensburg vom 9.10.1981, Az. 63 C 84/81

Kommentare:

  1. Bisher habe ich während des Referendariats noch nicht so richtig ausmachen können, wohin mein Weg mal gehen soll...jetzt weiss ich, was ich werden will ;-)

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